Dienstag, 26. Januar 2010

„Wie froh bin ich, dass ich weg bin!“ Werther ONP 26.1.2010 Kaufmann, Koch, Tezier



Jonas Kaufmann: Werther
Ludovic Tézier: Albert
Alain Vernhes: Le Bailli
Andreas Jäggi: Schmidt
Christian Tréguier: Johann
Sophie Koch: Charlotte
Anne-Catherine Gillet: Sophie

Michel Plasson Musikalische Leitung
Benoît Jacquot Inszenierung (und Bildregie!)

So, gerade noch rechtzeitig nach Hause geschafft, habe ich mich auf das Sofa geschmissen, da geht die Ouvertüre schon los:

Jonas Kaufmann hat seine Erkältung zum Glück so ziemlich überstanden, ist bestens bei Stimme.
Und sieht aus….! Ein Bild von einem sensiblen, deutschen, romantischen Antihelden (ja, ich weiß, es ist eine französische Oper, aber die Vorlage ist von Goethe).
Ich glaube, die Haare sind jetzt etwas länger…und die Mode damals war schon sehr kleidsam! Und getreu nach dem Buch mit gelber Weste und blauer Jacke, sehr schön.
Und: dieser Tenor kann piano singen, und wie!!!!!!! Bravo!!!!

Alle Sänger sind bestens bei Stimme, natürlich Sophie Koch (ich mag ihre schöne Stimme, so tragfähig!), der ebenfalls hervorragende und ausgesprochen gut aussehende Ludovic Tezier (er hat doch etwas von einem Stummfilmstar, vielleicht der dämonische Hypnotiseur und Verführer?) der vor ein paar Monaten schon einige Werther-Aufführungen an der Opera Bastille mit der Bariton-Version gerettet hatte, nachdem Rolando Villazon ausgefallen war. (Hier ein schöner Blog nur zu seinen Ehren).
Aber auch die kleine Rolle des Amtmanns, bestens mit Alain Vernhes besetzt(das war für mich ein nettes Wiedersehn und Hören, in „Romeo et Juliet“ von Orange, mit Gheorghiu/ Alagna, war er Juliets Vater, übrigens eine unglaublich schöne Aufführung). Und die Newcomerin Anne-Catherine Gillet als Sophie!

Eine gesanglich überragende Aufführung!!!!!

Zum Bühnenbild:
Eigentlich schon fast ideal (nach meinem Geschmack), minimalistisch, aber aussagekräftig die äußere Situation sowie die inneren Vorgänge beschreibend.
Im ersten Akt der strahlend blaue Himmel/ Hintergrund,
im zweiten Akt der graue Herbsthimmel, die gefallenen Blätter.
Nur die Räumlichkeiten des 3. Aktes fand ich doch für das Haus eines Amtmanns zu großzügig bemessen, aber die Werthers Kammer mit winterlichem Schneefall dafür umso gelungener.

Die Personenregie:
Dies vorweg: eigentlich gelungen,
ABER: Der „Werther“ ist eines der herausragenden literarischen Werke des Sturm und Drang, die jungen Wilden wandten sich gegen die strengen Traditionen der älteren Generation, Freiheitsdenken und Individualität waren wichtiger als Regeln. Dies wurde vielen zum Verhängnis, war doch die Gesellschaft nach wie vor von strengen Regeln und Traditionen geprägt.

Sturm und Drang, himmelhoch jauchzend – zu Tode betrübt, Freude und Niedergeschlagenheit, diese fast manisch-depressive psychische Verfassung Werthers wurde in der Inszenierung meiner Meinung nach nicht ausreichend verdeutlicht.

Werther scheint von Anfang an ausschließlich depressiv zu sein, dabei ist es doch gerade sein Mangel an Selbstbeherrschung, der ihn durch die Liebe zu der unerreichbaren Frau in Depression und Selbstmord treibt.
(Okay, wahrscheinlich hatte Benoit Jacquot den Werther nicht als Pflichtlektüre in der Schule!)
Und die überaus anständige Charlotte hatte doch gar keine Aggressionen gegen ihren Albert!

Die Bildregie:
(oh, mein Lieblingsthema)
Dafür zeichnete Benoit Jacquot persönlich verantwortlich.
(Mich hat schon bei seinem Tosca-Film die Schwarz-Weiß-Schnitte ins Tonstudio genervt).
Die Kameraführung fand ich teilweise grenzwertig – ich würde gerne die Oper aus der Perspektive des Publikums sehen, und nicht aus der Perspektive der Arbeiter hinter oder sogar über der Bühne!!!
Und wieder mal: nein, bitte keine feuchten Lippen, schiefen Zähne oder Hinterköpfe, wenn man Gesichter sehen will.
Haltet Abstand!!! Und schneidet den Applaus nicht ab!!!
Und wenn Kamerakind Uli dann noch das Bild verwackelt….

oh Gott, jetzt singt er die letzte Szene auf dem Bauch liegend!!!!!

Das muss man nochmal sehen:

Kommentare:

Eva hat gesagt…

Nur ein paar Worte zum Thema "ST und D": Alles trifft auf Goethes Werther zu, extreme Subjektivität, emotional labil und für die Ehe ungeeignet. Aber Massenets Werther entstand 100 Jahre später und in Frankreich - weit und breit kein StuD mehr. Massenets Werther ist höchstens ein spätromantischer Held, keineswegs so hysterisch labil und ohne Selbstbeherrschung. Deshalb muss Charlotte auch mit einem Eid am Totenbett der Mutter gebunden werden. Goethes Lotte hat das nicht nötig, hier verspricht nur Albert, sich um sie zu kümmern. Für Lotte ist Werther nur ein Seelenverwandter, den sie nicht gerne aufgeben möchte, nie ein Heiratskandidat. Ganz zum Unterschied von Massenet! Goethes Werther wirft das Leben unbeherrscht aus Enttäuschung weg, bei Massenets Werther liegt die Todessehnsucht tiefer. Man sollte schon die Eigenständigkeit der Oper gegenüber der literarischen Vorlage anerkennen.

edda hat gesagt…

Ich danke Dir für Deinen Kommentar, er gibt mir den Anlass, mich nochmals mit der Aufführung auseinander zu setzen.
Ich habe in meinem Post weder Massenet noch seine Oper noch seinen Umgang mit der literarischen Vorlage kritisiert, sondern über die Aufführung am ONP und diese Inszenierung geschrieben.
Ich respektiere Deine Meinung, dass sich Goethes Text und Massenets Oper unterscheiden, womit Du natürlich recht hast und das soll ja auch so ein. Ich sehe aber trotzdem und vor allem die Paralellen von Vorlage und Umsetzung in Libretto und Musik.
Wie bei Goethe finden wir im Libretto das Suchen und Finden der inneren Vorgänge in der Natur (schon in der Antrittsarie "o nature"),das wurde auch schön im Bühnenbild umgesetzt;
wie in der Vorlage finden wir die Suche nach dem Idealen, das Sich verrennen in Extreme ("O spectacle idéal d'amour et d'innocence" oder später, als Charlotte vom Sterben ihrer Mutter spricht und er völlig irrational reagiert "Rêve! Extase! Bonheur!", übrigens ein schönes Beispiel dafür, dass auch bei Massenet Werther ohne Selbstbeherrschung ist).
All dies wird durch die emotionale Musik noch unterstrichen.
Werthers Charakter macht in der Oper eine Entwicklung durch, leider war die Regieanweisung wohl "1.Akt: depressiv, 2.Akt: depressiv usw" Aber darüber habe ich im Post schon ausführlich geschrieben.
Auch bei Massenet ist Werther kein potentieller Heiratskandidat, auch noch zur Zeit der Entstehung der Oper wäre die Auflösung einer angemessenen Verlobung unter den Lebensbedingungen Charlottes (ländlicher Raum, Verantwortung für die kleinen Geschwister) einem gesellschaftlichen Selbstmord gleichgekommen.
LG edda