
Jonas Kaufmann - Tenor
Michael Güttler - Dirigent
Staatskapelle Weimar
Nach Überwindung meiner seit gestern Abend andauernden Schreibblockade (zu viel Begeisterung!) kann ich nun endlich von diesem wunderbaren Konzert berichten:
Den Auftakt bot die Staatskapelle Weimar unter der Leitung von Michael Güttler mit der Ouvertüre "Coriolan" von Ludwig van Beethoven. Ich liebe dieses Stück sehr, läßt es uns doch musikalisch die charakterliche Zerissenheit des Titelhelden nachempfinden. Leider habe ich gestern nicht viel empfunden, die Musiker schienen nur die Noten zu spielen, kein Sehnen, keine Wut, kein verletzter Stolz. Doch aller Anfang ist schwer.
Doch nun war es Zeit für den Held des Abends: Jonas Kaufmann betrat die Bühne!
"Gott, welch Dunkel hier" Dem im extremen Piano beginnenden Ton, fast nur Klang, merkte man den Bruchteil einer Sekunde die Nervosität und Anspannung des Auftritts an, doch Dank seiner hervorragenden Technik behielt Jonas Kaufmann die Kontrolle über seine Stimme und steigerte den langgezogenen Ton zu einem beeindruckenden Forte.
"In des Lebens Frühlingstagen ist das Glück von mir geflohn" - was soll ich sagen, bei mir flossen die ersten Tränen, es war herzergreifend, wie er den Florestan charakterisierte. Dieses Live-Erlebnis war besser als die Versionen auf DVD und CD, die ich bisher von ihm gehört hatte.
"und spür ich nicht linde, sanft säuselnde Luft?" Der Dirigent gab für den zweiten Teil der Arie ein sehr (zu?) flottes Tempo vor. Jonas Kaufmann sang diese hochemotionale Passage, wie das ganze Konzert, mit bemerkenswerter Textverständlichkeit.
Besonders erwähnen möchte ich an dieser Stelle noch den hervorragenden Oboisten, der von Sänger, Dirigenten und dem begeisterten Publikum mit besonderem Applaus bedacht wurde.
(ich muss das jetzt loswerden: Michael Güttlers Art zu dirigieren erinnerte einige Konzertbesucher an den jungen Leonard Bernstein, sprich: seine wilden Sprünge am Dirigentenpult. Ich persönlich fühlte mich durch seine ausgeprägt tänzerischen Bewegungen eher an eine Eurythmiestunde in der Waldorfschule erinnert und empfand seine ausladenden Gesten als störend, fast lächerlich, besonders im Kontrast zu dem beherrscht und konzentriert auftretenden Jonas Kaufmann)
Den Mozart"Themenblock" eröffnete die Ouvertüre zu "Don Giovanni", das Orchester hatte sich mittlerweile warmgespielt und musizierte nuancenreich und in schmissigem Tempo.
"Dies Bildnis ist bezaubernd schön" - wer hat da nicht Fritz Wunderlichs Tamino im Ohr? Doch Jonas Kaufmann bot uns seine ganz eigene Version, sang klangschön und zu Herzen gehend, stellte auch gestisch und mimisch den verliebten, hoffenden Tamino dar (bei dem ganz leise gesungenen "und ewig wäre sie dann mein" konnte ich beobachten, wie eine ältere Dame gerührt die Hand ihres Gatten ergriff - Künstler, was willst Du mehr!)
Zur Ouvertüre der Oper "Oberon" von Carl Maria von Weber war das Orchester endgültig angekommen, es musizierte mit großer Spielfreude, der Dirigent tanzte mit, auch das Publikum kam wippend in Bewegung.
"Durch die Wälder, durch die Auen.." Jonas Kaufmann kam als Max zurück, durchlebte für und mit uns alle Qualen des Jägerburschens. Wie schade, dass das Festspielhaus Baden-Baden nicht diesen Tenor für die "Freischütz"-Aufführungen zu den Pfingstfestspielen 2009 verpflichten konnte. (Waren die Swarowski-Steine für die Kostüme der Robert-Wilson-Inszenierung zu teuer gewesen?).
Die zweite Hälfte des Konzerts gehörte, bis auf eine Schubert-Ausnahme, Richard Wagner.
Nach dem Vorspiel zum 3. Aufzug von "Lohengrin" konnten wir unseren Tenor als Parsifal erleben. "Amfortas! Die Wunde!" Das war nun wirklich höchste Kunst, quasi aus dem Stehgreif bei einer konzertanten Aufführung die Stimmung dieser Szene fühlbar zu machen, und es gelang beeindruckend!!!
Die Zwischenaktmusik aus der "Rosamunde" von Franz Schubert holte mich wieder aus der Parsifal´schen Seelenpein, nur um gleich wieder in den Siegmund´schen Liebestaumel mit "Winterstürme wichen dem Wonnemond" zu stürzen. Was auf der CD "Sehnsucht" meines Erachtens nach zu langsam im Tempo, war hier nun zu rasch und nahm dem Sänger manche Gestaltungsmöglichkeit.
(Ich warte jetzt schon seit Jahren darauf, dass Jonas Kaufmann endlich das Schwert aus dem Stamm zieht, nun soll es 2011 an der Metropolitan Opera soweit sein... lucky bastards over there!!)
Das wunderschön gespielte Vorspiel zur Oper "Lohengrin" ließ keine Wünsche offen, besonders ergreifend der nahtlose Übergang zur "Gralserzählung": während der letzten Töne des Vorspiels betritt Kaufmann gesenkten Haupts von links die Bühne und schreitet langsam und traurig zu seinem Platz neben dem Dirigenten, um dann, ganz leise, ganz in sich, die Erzählung zu beginnen "In fernem Land, unnahbar euren Schritten...."
Ich kann das jetzt nicht in Worte fassen, ich habe die Gralserzählung so gut noch nie gehört.
Ich war überwältigt. Keine CD kann diese Wirkung wiedergeben.
Für mich hätte an dieser Stelle das Konzert eigentlich schon zu Ende sein können, wenn da nicht die Zugaben gewesen wäre.....
Doch bei den Zugaben wollte und konnte Jonas Kaufmann zeigen, wie vielseitig er ist: es folgte eine sehr beeindruckende Version des "Lamento di Frederico" aus L´Arlesiana" von Cilea, die "Blumenarie" aus "Carmen" von Bizet(nein, das war mir jetzt zu leise und zu zaghaft, mein persönlicher Traum-Don José hat mehr Leidenschaft).
Bei der letzten Zugabe bedeutete uns Jonas Kaufmann nur zu schweigen und zeigte dann auf die Klarinette....oh! dolci bacio....E lucevan le stelle als Abschluss dieses Abends, das hätte gar nicht besser sein können.
Ja, Jonas Kaufmann hat nach dem Konzert signiert, und wie!!!
Die Schlange der Wartenden war enorm, es ging nur langsam voran, denn der sympatische, völlig natürliche Sänger nahm sich Zeit, mit jedem Einzelnen ein paar Worte zu wechseln, zu scherzen, Fragen zu beantworten. Noch nie zuvor habe ich so etwas nach einem (doch sicher anstrengenden) Konzert erlebt.

Die Stimmung unter den Konzertbesuchern war trotz langer Wartezeit ausgesprochen heiter, und als ich nach einer Stunde (!) endlich an der Reihe war, wurde auch ich meine Frage los, wir haben einmal gemeinsam gelacht und er hat alle meine mitgebrachten CDs und DVDs signiert!!

(auf meine Fragen, ob er nach der sehr gelungenen Aufnahme der "Schönen Müllerin" auch die anderen Liederzyklen von Franz Schubert aufnehmen wird, sagt er mir "ja, gerne, wenn die Decca mich läßt!" Ja, Decca, dann lasst ihn mal....)


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