"Aleko" - Rachmaninows Abschlußarbeit für die Musikhochschule, uraufgeführt 1893 - wurde von seinen damaligen Professoren sehr positiv aufgenommen. Brav wie ein Schüler hatte der Komponist gezeigt und abgearbeitet, was er im Studium gelernt hatte. Dazu gehörten wohl vor allem Arien für Männerstimmen, Chöre und Tänze (hiervon für meinen Geschmack zu reichlich) sowie eine Fuge.
Zur Handlung: in einem Zigeunerlager wird eine Hochzeit gefeiert - so zumindest in der Inszenierung von Mariusz Trelinski. Hier wurde das Zigeunerlager in den Hallen eines stillgelegten Güterbahnhofs aufgeschlagen.... Ein Mädchen (Statistenrolle), vielleicht 11 Jahre alt, wird an eine doch sehr erwachsenen Bräutigam verheiratet. Im Rahmen dieses Festes erinnert sich der Alte (sehr sympathisch gesungen von Sergey Aleksashkin) an seine große Liebe, die mit einem Anderen durchbrannte und ihn mit dem gemeinsamen Töchterchen Zemfira sitzen ließ. Diese nunmehr erwachsene Zemfira (mit erotischem Hüftschwung und dunklem Sopran: Veronika Djioeva) sehnt sich nach Freiheit, lebt aber (noch) zusammen mit Aleko. Er, anscheinend ein Intelektueller aus der Stadt, hatte einst sein bürgerliches Leben aufgegeben, um mit sich Zemfira und den Zigeunern anzuschließen (ja, die ganze Oper erinnert stark an "Carmen"). Sie ist seiner überdrüssig geworden und flirtet mit einem jüngeren Liebhaber. Aleko ist verzweifelt. Er erinnert sich, allein zurückgeblieben, an die schöne, leidenschaftliche Zeit am Anfang ihrer Beziehung (sehr gefühlvoll vorgetragen von dem jungen kanadischer Bass-Bariton John Relyea, mittlerweile eine feste Stütze der Metropolitan Opera).
Zemfira hat die Nacht mit ihrem Liebhaber verbracht, doch noch bevor sie diesen aus Angst Alekos Eifersucht davonschicken kann, ist dieser schon zur Stelle und ersticht den Nebenbuhler und Zemfira.
Nachdem Aleko die beiden erstochen hat.....ja, richtig, nachdem! Die Oper ist noch nicht zu Ende, trotz ihrer knappen Länge von nur einer Stunde wirkte sie auf mich langatmig, denn dort, wo "Carmen" in Don Jose´s Schluchzen dramatisch und hochemotional endet, kommt hier noch der Chor hinzu, um Zemfira zu beweinen (hier die Fuge), der Vater klagt, Aleko wird (nur) aus der Gemeinschaft ausgestoßen, der Chor geht ab, Aleko geht betrübt von der Bühne - ja, dieses Ende zieht sich, wie man so schön sagt.
Nach der Pause "Jolanthe" von Tschaikowsky
Der erblindeten Königstochter wird von Vater und Vertrauten ihr Schicksal verheimlicht, abgeschottet von der Außenwelt lebt sie in einem Haus im Wald, umgeben von einem blühenden Garten - diese Infos zur "Location" erfahren wir aus den Übertiteln, denn auf der Bühne befindet sich ein drehbarer, hartweiß getünchter, würfelförmiger Raum (Blockhaus), an dessen Wänden hängen weiße Hirschgeweihe (der Königs-Vater ist wohl passionierter Jäger, hat das etwas mit ihrer Blindheit zu tun?), der Wald besteht aus entwurzelten, schwebenden Bäumen. Ich frage mich, verpaßt Jolanthe wirklich so viel, wenn sie dieses unromantische Umfeld nicht sieht? Anna Netrebko ist Jolanthe - ja, sie ist es tatsächlich, sie gibt das Schicksal dieser sanften Prinzessin überaus glaubhaft wieder, eine phantastische Darstellerin. Und eine herrliche Stimme, ein voller, warmer Klang. Als sie sang, fühlte ich ein tiefes Gefühl von Dankbarkeit (autsch, das klingt jetzt kitschig, war aber so).
In diesen Wald verirren sich der Herzog Robert, Jolanthes Verlobter und sein Vertrauter Vaudemont. Der temperamentvolle Robert hat sein Herz an die flotte Mathilda verloren und empfindet die Verlobung mit Jolanthe (die er ohnehin nicht kennt) als Belastung (wirklich umwerfend gut gesungen von dem russischen Bariton Alexei Markov, für mich DIE Entdeckung des Abends, und nicht nur für mich, wie sich aus der spontanen Publikumsreaktion nach seiner Arie schließen läßt.) Sein Freund, von sensiblerer Natur, sehnt sich nach einem liebevollen, sanften Wesen. Der wunderbare Piotr Beczala gestaltet diese Aria sensibel mit lyrischem Schmelz, nur bei den ganz hohen Tönen wirkt seine Stimme anfangs eng, um dann aber im Crescendo aufzublühen (ich denke, ich bin nicht die Einzige, die sich beim Klang seiner Stimme an Fritz Wunderlich erinnert fühlt. Eigentlich finde ich Vergleiche von Sängern so überflüssig wie einen Kropf, aber da ich weiß, wie sehr Piotr Bezcala Fritz Wunderlich verehrt, denke ich, dass ihn dieser Vergleich nicht ärgern würde).
Vaudemont begegnet Jolanthe, sie reicht ihm eine Rose, er bittet sie, diese weiße Rose gegen eine rote zu tauschen. Da sie hierzu nicht in der Lage ist, bemerkt er ihre Blindheit, und nach anfänglichem Entsetzen darüber führt er sie liebevoll zur Wahrheit ("was glaubst Du, wofür sind Deine Augen da?" "zum weinen!" ja, da habe ich auch geweint!).
Ja, und diese Oper hat tatsächlich ein Happy-End! Nachdem Jolanthe ihre Blindheit erkannt hat, hat sie nun der Liebe wegen den Willen zur Heilung, der vom Vater (sehr bewegend gesungen von Sergei Aleksashin) herbeigerufene maurische Arzt kann die Behandlung durchführen, Robert löst seine Verlobung, Vaudemont kann die geheilte Prinzessin zur Frau nehmen und im Finale preisen alle Gott.
Ursprünglich war ein (CD oder DVD) Mitschnitt dieser Produktion geplant, aber nachdem Rolando Villazon abgesagt hatte, hat die Deutsche Grammophon (soviel ich weiß) davon Abstand genommen. Vielleicht bin ich auch falsch informiert, schade wäre es allemal, denn Piotr Beczala war ein würdiger Ersatz für Villazon, und eine Veröffentlichung würde dieser schönen Oper vielleicht zu der Aufmerksamkeit verhelfen, die sie meiner Meinung nach verdient. Allerdings: auch wenn Anna Netrebko und Piotr Beczala in der jüngsten Vergangenheit häufiger miteinander aufgetreten sind, dass es so ganz 100%ig nicht passt, fiel u.a. beim Duett auf: so ganz entspricht sein Stimmvolumen nicht dem ihren, und auch schauspielerisch ist sie ihm eine Nasenlänge (mindestens) voraus. Nun, so intelligent, wie Beczala seine Karriere plant, wird er an einer Nachfolge von Villazon als Dauerpartner von Anna Netrebko wohl ohnehin nicht interessiert sein.
Nach der Oper im Foyer:
Während John Relyea mit seiner reizenden Frau und den Buben gemütlich Suppe löffelte und gerne zu Autogramm und lockerem Gespräch bereit war, wurden die ganz großen Stars des Abends zuerst einmal in geschlossener Gesellschaft gefeiert.
Anna Netrebko war zum Signieren nicht bereit, sie versuchte vielmehr, die Bewunderer und Fans zu ignorieren. Ist vielleicht auch ein bißchen viel, so immer im Rampenlicht zu stehen, umso bewundernswerter die künstlerische Leistung unter diesem Druck. Trotzdem ist es meinem Fotografen (okay, er ist mein Mann) gelungen, aus höflicher Distanz einige Fotos zu machen.

Der nette Piotr Beczala gibt bereitwillig Autogramme
ebenso Valery Gergiev, der mich gefragt hat, ob ich Russin sei (abgesehen davon, dass ich noch unter Schock stehe, da ich von diesem Genie angesprochen wurde, muss ich über den Grund für diese Frage noch nachgrübeln)
doch nun zur Frage des Abends:
warum war Peter Gelb, General Manager der Metropolitan Opera in New York, in Baden-Baden? Spezielle Betreuung seiner Sänger-Schäfchen? Oder sollte das etwas mit der Nachfolge von James Levine zu tun haben? War Valery Gergiev der Grund für seinen Besuch in Baden-Baden?



7 Kommentare:
Thank you for the post. I was laso there and I have enjoyed very much the performance! To see Anna Netrebko, with Valery Gergiev conducting the Mariinsky Orchestra and performing a beautiful Russian repertoire is a privilege!
I can confirm that the DVD will not be released. Nevertheless, there is a chance to get a CD released. Right now it is not confirmed.
I hope Gergiev is not going to the MET!!!! we need him in Europe...
Thanks for linking to my blog. :)
SWR TV 24.1.2010 - Aufnahme aus Baden Baden
laut Website des Festspielhauses Baden Baden -
das ist doch hocherfreulich! Eliobe
Danke, Eliobe, für den Hinweis!
Nicht im SWR-Fernsehen, sondern im SWR2 Kultur-Radio werden die beiden Opern übertragen:
"Sendetermin des Doppel-Opernabends "Aleko" - "Jolanthe" auf SWR2 Kultur ist Sonntag, 24. Januar 2010 um 20:03 Uhr." (Kopie von der o.g. Website)
Danke, pgri, werde ich mir anhören!
LG edda
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