Donnerstag, 8. März 2012

Rolando Villazon als Musikpate bei "Dein Song" auf Kika

Gerade sagt Tochter Nr. 3 zu mir:
"Mama, bei "Dein Song" ist jemand von der Oper dabei, den Du kennst. Der hat so schwarze Locken!"
Tatsächlich, Rolando Villazon ist Musikpate (neben Till Brönner, Laith Al-Deen u.a.).

Nachwuchskomponisten präsentieren bei diesem Sendeformat ihre Songideen,
werden von Musikpaten bei der Ausarbeitung ihrer Einfälle unterstützt
und müssen vor einer Jury bestehen.
Hier wird nicht nach der besten Stimme oder der besten Präsentation, Hüftschwung oder sonstigem Gedöns gesucht, sondern tatsächlich nach einem guten Lied. 
Montags bis donnerstags, 19.45 Uhr auf Kika.

Thomas J. Mayer übernimmt die Rolle des Wotan in der neuen Münchner "Walküre"

aus der Abendzeitung München:


Mitte Februar musste der finnische Bariton Juha Uusitalo die Rolle des Wotan in der neuen „Walküre” der Staatsoper aus gesundheitlichen Gründen abgeben. Thomas J. Mayer springt in der Premiere des zweiten Teils von Wagners „Ring”-Tetralogie ein und singt auch die drei weiteren Vorstellungen im März. ...

AZ: Herr Mayer, was haben Sie gemacht, als der Anruf der Staatsoper kam?


THOMAS J. MAYER: Ich saß gerade in Hamburg beim Essen.


Dort sind Sie auch schon als Wotan eingesprungen.


Nicht nur in Hamburg, sondern auch vor zwei Jahren sehr kurzfristig an der Pariser Bastille-Oper.


Wie lange singen Sie die Rolle schon?


Die Münchner Premiere wird meine 41. Vorstellung.
Mein Debüt war vor sieben Jahren in einer Neuinszenierung am Theater Karlsruhe. Ich habe als Wotan in Cagliari gastiert, später bin ich meist eingesprungen. In der Zeit der Hamburger „Walküre” war ich dort fest engagiert. Es lag nahe, mich zu fragen. Der Erfolg hat überregionale Wellen geschlagen, denn es ist nicht selbstverständlich, dass jemand den Wotan innerhalb von drei Stunden abrufen kann.

Vom Alter her wären Sie eher ein „Rheingold”-Wotan.


Wotan ist ein Gott, da spielt das keine große Rolle. Entscheidend ist die geistige Dimension. Man braucht eine gewisse biografische Reife, um die Figur glaubhaft darstellen zu können. Natürlich wurde ich das auch schon vor sieben Jahren in Karlsruhe gefragt, aber ich traue es mir zu. Der Wotan ist eine Rolle, mit der ich mich noch lange auseinandersetzen kann.


Worin besteht diese geistige Dimension?


In der „Walküre” scheitert Wotans Plan, den Untergang der Götter durch die rettende Tat eines Helden abzuwenden. Diese Ohnmacht bringt ihn in einem schwierigen Prozess dazu, Macht und Liebe preiszugeben. Er opfert seinen freien Willen, indem er Brünnhilde in ewigen Schlaf versetzt. Das ist letztlich eine buddhistische Idee.


Das müssen Sie erklären.


Wagner fühlte sich während der Arbeit am „Ring” durch Arthur Schopenhauers philosophische Schrift „Die Welt als Wille und Vorstellung” bestätigt. Schopenhauers Pessimismus wiederum ist eine abendländische Anverwandlung der buddhistischen Nirwana-Idee und der Vorstellung, dass das Leben sinnlos ist. Wotan will im zweiten Akt sein eigenes Ende, getrieben von einer Ohnmacht. Aber es ist für ihn ein Loslassen der Welt, wie es der Buddhismus verlangt. Wie ich das zum ersten Mal gelesen habe, war ich überrascht, dass sich ein Komponist so intensiv auf philosophische Gedanken eingelassen hat.


Hätten Sie den Wanderer in „Siegfried” im Repertoire?


Schon, aber ich verrate Ihnen nicht, ob mich die Bayerische Staatsoper danach gefragt hat.


Kannten Sie den Regisseur Andreas Kriegenburg?


Ich habe ihn kennengelernt, als sein Münchner „Wozzeck” nach Tokio übernommen wurde und schätze seine exzellente Personenführung.


Nach dem „Rheingold” wäre zu vermuten, dass der Bewegungschor als Waberlohe den Walkürenfels am Ende mit Feuer umgibt.


Da will ich Ihrer Fantasie keine Schranken setzen. „Rheingold” ist ein Konversationsstück, fast eine Gesellschaftskomödie. In der „Walküre” liegt der Fokus stärker auf den Figuren.


Was machen Sie, wenn Sie nicht singen?


Ich würde jetzt gern in die Pinakothek gehen. Außerdem habe ich mein Fahrrad dabei, um bei schönem Wetter durch den Englischen Garten zu radeln. 

 
Die Premiere am Sonntag, 16 Uhr, und alle weiteren Vorstellungen sind ausverkauft.

Mittwoch, 29. Februar 2012

"Zerbinetta war immer leicht für mich" Reri Grist zum 80.

Eigentlich wird sie ja erst 20.
Aus dem "Hamburger Abendblatt":

Reri Grist ist noch immer eine äußerst aparte Erscheinung. Der dezente Goldschmuck passt hervorragend zum dunklen Teint; die Augen versprühen einen mädchenhaften Charme. Nein, die 80 Jahre sind ihr nicht anzumerken. Aber da die amerikanische Sängerin an einem 29. Februar geboren wurde, wird sie ja auch eigentlich erst 20. "Für mich ist es lustig, jedes vierte Jahr Geburtstag zu haben", sagt Reri Grist lächelnd. "Und 80 ist eine gute Zahl. Ich kann immer noch Treppen steigen und viel schneller gehen als manche meiner Studenten. O ja, ich fühle mich wohl!"

Reri Grist begegnet dem Alter mit jener heiteren Gelassenheit, auf die sie sich während ihrer 35-jährigen Sängerlaufbahn verlassen konnte. Sie hat sich nie stressen lassen, auch nicht von schwindelerregenden Spitzentönen und halsbrecherischen Koloraturen. Eine Rolle wie die Zerbinetta in Strauss' Oper "Ariadne auf Naxos" - für viele Kolleginnen eine Zitterpartie - machte ihr keine Angst. "Zerbinetta war immer leicht für mich. Meine Stimme war sehr klar und sehr direkt, und die Höhe war immer da. Es war nie schwer!"

Die Leichtigkeit, das helle Timbre, aber auch die mitunter betörende Süße ihrer Stimme sind auf einigen alten Aufnahmen zu erleben. Etwa in Mozarts "Entführung", wo sie das Blondchen sang, oder bei ihrer zauberhaften Zerlina im "Don Giovanni", beide unter Leitung von Karl Böhm, der mit Wolfgang Sawallisch und Josef Krips zu ihren Lieblingsdirigenten gehörte.

Die Zerbinetta - neben der Königin der Nacht eine ihrer Paraderollen - hat Reri Grist manche Türen geöffnet, wie 1958, als sie in der Erstbesetzung der "West Side Story" unter Leonard Bernstein am Broadway dabei war. Zwischen den Aufführungen sang sie ihm in der Carnegie Hall vor. Er engagierte sie für Mahlers Vierte Sinfonie und ebnete ihr so den Weg zu weiteren Stationen.

Reri Grist gehörte zu den ersten afroamerikanischen Opernsängern, die international Karriere gemacht haben. Sie gastierte in Wien und Salzburg, am Teatro Colon in Buenos Aires und dem Londoner Covent Garden, sie stand mit Kollegen wie Nicolai Gedda, Hermann Prey und Christa Ludwig auf der Bühne und wurde von Luciano Pavarotti köstlich bekocht: "Es war nach einer Vorstellung in London. Wir wollten mit ein paar Kollegen essen gehen, und er sagte: Nein, nein, kommt zu mir. Also gingen wir in sein Apartment, und er fing an zu kochen. Und ich meine wirklich kochen! Natürlich gab es Pasta."

Solche Anekdoten erzählt sie sehr lebendig in einem perfekten Deutsch, bei dem nur ab und an eine amerikanische Vokalfärbung durchschimmert. Reri Grist kam schon zu Beginn der 60er-Jahre nach Europa, hat ihre Wurzeln aber nicht vergessen. Die Sängerin ist in einfachen Verhältnissen in Manhattan aufgewachsen und lernte in ihrem Nebenjob als Sozialarbeiterin auch die richtig schwierigen Viertel kennen.

Heute lebt Reri Grist in Hamburg. Ihr Mann Ulf Thomson - ein ehemaliger NDR-Redakteur, mit dem sie seit 45 Jahren verheiratet ist - liebe halt das Wasser, erklärt die weit gereiste Frau, die sich im multikulturellen Klima von Altona sehr wohlfühlt. "Ich brauche New York nicht zum Leben, ich brauche auch Paris nicht oder Wien. Hamburg ist groß genug. Und schön!"

Dort schreibt sie an ihren Erinnerungen und gibt privaten Gesangsunterricht. Ihre eigene Karriere hat Reri Grist schon 1991 beendet - doch das hohe f kommt immer noch besser als bei manchen ihrer Schülerinnen. Sie wird ja auch erst 20.

Freitag, 24. Februar 2012

"Alessandro" 22.2.12 Händelfestspiele Badisches Staatstheater

Nicht ohne Grund wurde im Programmheft und in Kritiken darauf hingewiesen, dass Händel die vielen Arien der Oper "Alessandro" für den Kastraten Senesino und die beiden damals sehr angesagten Sopranistinnen Faustina Bordoni und Francesca Cuzzoni entsprechend ihrer gesanglichen und darstellerischen Möglichkeiten schrieb. Durch die Mitwirkung dieser "Stars" wurde "Alessandro" ein großer Erfolg, trotz der fehlenden Handlung, denn weder die Damen noch der Herr wollten ihre jeweilige Rolle durch ein dramatisches Fortschreiten der Erzählung beschnitten sehen.

Das zeigt, dass sich am Publikumsverhalten in den letzten Jahrhunderten nicht wirklich viel verändert hat. 
Denn würden heute Jonas Kaufmann, Angela Gheorghiu und Anna Netrebko in einer Oper gemeinsam auftreten, das Haus wäre für jede Vorstellung restlos ausverkauft, auch wenn sie aus dem Telefonbuch vorsingen würden!

Nun sind aber heute keine großen Stars in Karlsruhe am Werk, sondern solide Sänger, die ihre Arien stimmlich schön und ordentlich dem Publikum präsentieren. 

Was fehlt? Richtig: die Handlung, die Oper tritt auf der Stelle, da zwei Damen um die Gunst des Helden konkurrieren, und - wie oben begründet - das über eine seeehr lange Zeit (Dauer der Aufführung: 4 1/2 Stunden).
Was fehlt noch? Der große musikalische Wurf
Die zahlreichen Arien sind zwar virtuos ausgeschmückt, an hübschen Ideen fehlt es nicht (z.Bsp. das Duett mit der Blockflöte), aber anders als in den heute noch sehr beliebten Opern Händels (Rinaldo, Xerxes, Julius Cäsar, Semele......) bleibt keine der Melodien haften.
(Wobei der eigentliche Star der Aufführung eindeutig das Orchester war, die Deutschen Händel-Solisten unter der Leitung von Michael Form spielten schon die Ouvertüre akzentuiert und temperamentvoll. Sogleich war mir klar: hier wird mit mehr Verve musiziert als auf der mir vorliegenden CD-Einspielung der Oper. Zu bewundern war auch die Sportlichkeit, mit der Michael Form dirigierte, angesichts der Dauer der Aufführung ein Zeichen von guter Kondition.)
Was fehlt noch? Die Inszenierung
Warum übernimmt ein Regiesseur (Alexander Fahima) die Inszenierung, wenn ihm zum Stück nichts einfällt?

Unter der Bühne sichtbar ein Terrarium, links gefüllt mit großen Kieselsteinen (jeder einzelne ein von Hand bemalter Styropor-Rohling! Was für ein Aufwand!!), rechts Äste und Zweige, in der Mitte gefüllt mit Blut aus den Schlachten. Die Bühne zu 1/3 abgeteilt durch eine Blutrinne im Boden. Der Rest Sperrholzwandteile. Das war´s. An der Ausstattung wurde mal wieder ordentlich gespart. Wird das zum Markenzeichen der Ära Spuhler?
Das szenische Highlight im ersten Akt: Alessandro kämpft seine Schlacht gegen eine Projektion von King-Kong, Gozilla, Tarantula und Co.  
Im zweiten Akt: auf einen durchsichtigen Vorhang werden Säulen und/oder Namen der auftretenden Akteure projeziert. Vier Tänzer gesellen sich zu den Sängern, schwarz gekleidet vor schwarzen Hintergrund!
Im dritten Akt: die beiden Damen im Schnee.

Die Personenregie hatte leider auch nicht viel zu bieten. 
Die eine Dame, mädchenhaft, hüpfend und Röckchen-schwingend, die andere Dame als Domina mit Peitsche. So boten Yetzabel Arias Fernandez (Rossane) und Raffaella Milanesi (Lisaura) zwar hervorragenden Gesang, doch darstellerisch kamen sie über Stereotype nicht hinaus. Auch Lawrence Zazzo als Alessandro blieb wohl nichts anderes übrig, als eine etwas schmierige Karikatur des Herrschers und Mannes zwischen zwei Frauen zu zeichnen. Gesanglich blieb er seinen Arien nichts schuldig, führte seine Stimme mit Leichtigkeit durch die Koloraturen, konnte aber trotzdem nicht nachdrücklich beeindrucken. Hier blieb der Tassile von Martin Oro mehr im Gehör, der jedoch szenisch dazu verdammt schien, sich nur jenseits der Blutrinne aufhalten zu dürfen.

Etwas Auflockerung entstand durch die Auftritte der drei mazedonischen Fürsten Clito, Leonato und Cleone (lAndrew Finden, Sebastian Kohlhepp und Rebecca Raffell). 
Hier kam mit Tanz und Steckenpferd auch die Ironie ins Spiel, die diesem endlosen Getue um Liebe und Eifersucht gut gestanden hätte. 
Die drei Sänger waren mit sichtbarer Freude dabei, was sich auch aufs Publikum übertrug - spontan kam es hier zum stärksten Szenenapplaus. 
Auch gesanglich ließ die Leistung dieser Ensemblemitglieder aufhorchen: 
der schön und ausdrucksvoll geführte Bariton von Andrew Finden
der klare, bewegliche Tenor von Sebastian Kohlhepp, von dem wir hoffentlich in Zukunft mehr hören werden, und der ausdrucksvoll Alt der jungen Sängerin Rebecca Raffell, (ich hielt sie zunächst für einen weiteren Countertenor) deren Spielfreude hier nochmal besonders erwähnt werden soll, deren furiose Arie im 3. Akt nachhaltigen Eindruck machte.


Die Länge der Oper plus weitestgehend langweilige Regie plus fehlende musikalische Höhepunkte führte dann wohl auch dazu, dass sich nach der zweiten Pause die Reihen in Parkett und Balkon sichtbar lichteten. Der Applaus nach den Arien der Hauptdarsteller fiel maximal höflich aus.

Sonntag, 19. Februar 2012

Strauss: Ariadne auf Naxos, 18.02.2012 Festspielhaus Baden-Baden


Diesen Bericht zu schreiben fällt mir unglaublich schwer, nach dem gestrigen Abend passt zu meinen Empfindungen eigentlich nur der am Wiener Opernball von Brigitte Nielsen geprägt Spruch „Mein Herz explodiert!“

Die „Ariadne“, diese verrückte Oper, das Libretto so absurd, dass es von Monty Pythons sein könnte, mit dieser herrlichen Musik und Textpassagen, die Emotionen im Zuhörer hervorholen, die das Atmen erschweren…
in einer Besetzung zum Niederknien;
mit Christan Thielemann, einem Dirigenten, der um die Bedeutung jedes einzelnen Musikers am Ganzen weiß und eine solche Sicherheit ausstrahlt, die sich sicherlich auf jeden beteiligten Künstler überträgt;
die sächsische Staatskapelle Dresden, jeder einzelne ein Solist, meinen Strauss-Nerv haben sie getroffen;
eine logische, unterhaltsame und leichtfüßige Inszenierung, schlicht und angemessen auch den ernsten Tönen.

Über die Inszenierung Philippe Arlaud (Kostüme: Andrea Uhlmann)muss ich hier nicht viel schreiben, am nächsten Samstag ist die Oper live (leicht zeitversetzt gesendet) in 3sat zu sehen.

Es passt einfach alles – das künstlerische Chaos im Vorspiel, wenn Bühnenarbeiter noch tätig sind, die Diva, ausgesprochen elegant im purpurnen Morgenrock mit onduliertem Blondhaar, ihre Freundinnen begrüßt und der Tenor (im bequemen Bademantel) scheinbar freundschaftlich die Soprankollegin begrüßt. Und als weitere Abstufung die Soubrette im Seiden-Morgenmäntelchen, mit ihrer Gauklertruppe im Eckensteher-Stil (wenn es gerade an Engagements fehlt, verdienen sich diese Herren wohl als Hütchenspieler ihr täglich Brot). Der Komponist im dank seiner Jugend zu weiten Anzug, mit lockiger Jonas-Kaufmann-Frisur. Da steckt so viel Detail drin, man mag sich gar nicht satt sehen.

René Kollo, der Lohengrin meiner Kindheit, es war mir eine Ehre, mit ihm in einem Raum sein zu dürfen. Trotzdem: der Haushofmeister ist der einzig ruhige Mensch zwischen lauter verrückten Künstlern, da hat er einfach überbetont und zu viel mit den Armen gerudert.

Für die „Oper“ das Bühnenbild dann abstrakter, mit Publikum im hinteren Teil der Bühne, im vorderen Teil leidet Ariadne an den Felsen gelehnt (die „Insel“, die endlich aus der Kiste ausgepackt wurde), mit ihren drei Damen, geschmackvoll griechisch-römisch ganz in Gold gewandet (so dass nicht nur der Gesang an die Rheintöchter in der „Götterdämmerung“ erinnert), Zerbinetta im pinkfarbenen Straußenfedernkleid, die vier Gaukler als Clowns im Ringelshirt und bunten Schuhen, Bacchus geschmackvoll im cremefarbenen Anzug, die Höhle als goldenes Tuch.

Es gilt, ob Tanzen, ob Singen tauge, von Tränen zu trocknen ein schönes Auge….

Für mich besonders beglückend die Szene, in der die Komödianten versuchen, Ariadne aufzuheitern (die entnervt die Szene verlässt). Da hat die Choreographin Anne-Marie Gros ganze Arbeit geleistet, erst die Charlie-Chaplin-Schuhszene, dann der „Tanz“ mit den Ballons. Besonders in dieser Szene fiel mir auf, wie intensiv die Probenarbeiten gewesen sein müssen, jeder Schritt saß, kein Stolpern trotz Stufen, absichtliches Schlingern am Rande des Orchestergrabens. Und dabei diese sicherlich schwierige Fuge singen, Bravo an alle beteiligten Sänger!




Seien wir wieder gut!

Wenn es überhaupt erlaubt sei, eine Person hervorzuheben unter lauter „Göttern“, so gebührt Sophie Koch als Komponist meiner Meinung nach die Krone. Darstellerisch absolut in ihrer Rolle, die Zuneigung zu Zerbinetta natürlich und glaubwürdig gespielt, und was für eine Stimme!!! So ein Volumen, ausdrucksstark, auch textverständlich. Schon als Octavian hat sie mich in Baden-Baden ganz für sich eingenommen, was für eine Freude, sie hier so überzeugend wieder erleben zu dürfen.

Nachdem Jane Archibald im Duett mit Sophie Koch so volle Töne fand, habe ich etwas gezweifelt, ob ihr die Koloraturen später leicht fallen würden. Die Zweifel waren unbegründet, eine durch und durch überzeugende Zerbinetta, der die schwierige Arie scheinbar locker vom Hocker gelang. Und dabei konnte sie auch noch agieren. Also, ich will jetzt nichts mehr hören von „früher war alles besser“! Wollen wir uns doch freuen, heute so agile Sänger(innen) zu haben!

Ich kann hier nicht alle nennen, aber wie schon oben erwähnt, waren die Komödianten darstellerisch einfach ein Glücksgriff (Nikolay Borchev, Kenneth Roberson, Steven Humes, Kevin Conners), auch stimmlich klangen alle frei und bildeten ein tolles Team!

Wenn der Tenor die Bühne betritt, löst das bei mir immer einen Adrenalin-Schub aus. Da ich die Tenor-Partien und ihre Gefahren kenne, führt das meist zu einem spontanen Stoßgebet und Daumendrücken. So auch am Samstag, denn die Partie des Bacchus ist nur etwas für wirkliche „Götter“, die sich in dieser unangenehm hohen Tessitura bewegen können und wollen. Doch ich konnte meine Daumen lösen, entspannen, dafür mich ganz emotional loslassen – Robert Dean Smith kann’s. Was für eine Leistung. An dieser Stelle noch mal ein Extra-Bravo!! Und auch ein Bravo für die Regie, die ihn einfach nur singen ließ, keine Verrenkungen erwartete.

Renée Fleming, meine Göttin. Eine Stimme wie Samt. Oder, wie Andreas Mölich-Zebhauser meinte „ein warmer Strom von Klugheit und Schönheit“. In einem Interview sagte sie, dass sie Bedenken hatte, die Rolle anzunehmen, da vorherige Rolleninterpretinnen dramatischer an die Sache herangegangen waren als sie das kann (hier sei Jessye Norman genannt, die Göttin meiner Jugend, ich sinke vor Ihnen auf die Knie!!).
Die Bedenken waren komplett unbegründet. Wie kann ein einzelner Mensch nur so schön und ergreifend singen. Und die Eleganz nicht nur im Gesang, sondern auch in Haltung und Darstellung.

Abschließend für die Sänger sei noch der beeindruckende Musiklehrer des Eike Wilm Schulte genannnt.

Genug, wenn ihr so weit gelesen habt, dann auch Euch ein Extra-Bravo für Ausdauer.
Eines ist mir wieder klar geworden – die Zeit, die ist ein sonderbar Ding.
Dieser herrliche Kunstgenuss – vorbei, und das bringt auch keine DVD wieder….

Robert Dean Smith, Renée Fleming, Christian Thielemann, Sophie Koch

René Kollo, Christina Landshamer, Rachel Frenkel, Lenneke Ruiten, Eike Wilm Schulte, Christian Baumgärtel

Zerbinetta: Jane Archibald



Freitag, 30. Dezember 2011

Pechsträhne für Baden-Baden: und nun auch noch Netrebko

von der Homepage des Festspielhauses:

Mit großem Bedauern muss Intendant Andreas Mölich-Zebhauser das für den 3.1.2012 geplante Konzert mit Anna Netrebko und Erwin Schrott auf den 29. April 2012 verschieben. Anna Netrebko laboriert an einer starken Erkältung. Zudem muss sie sich einer Fußoperation unterziehen.

Wirklich überraschend finde ich die Absage nicht, nachdem Anna Netrebko bereits vor Weihnachten zwei Aufführungen von "Don Giovanni" an der Scala und "Stabat Mater" am 24.12.2011 in Moskau abgesagt hatte.

Silvesterkonzert: Jonas Kaufmann sagt in Baden-Baden ab

BNN 30.12.2011:
Beim Silvesterkonzert im Festspielhaus Baden-Baden hat nun nach Elina Garanca, die wegen ihrer Schwangeschaft durch die Sopranistin Eva-Maria Westbroek ersetzt wird, gestern auch Tenor Jonas Kaufmann wegen Krankheit seinen Auftritt abgesagt.
Das Festspielhaus hat als Ersatz den Tenor Johan Botha verpflichtet. Der südafrikanische Opernstar zähle an der Wiener Staatsoper, der Met und der Scala zu den Publikumslieblingen, so die Pressemitteilung. Eintrittskarten bleiben gültig, können auf Wunsch aber auch erstattet werden. Damit gäbe es auch freie Plätze für Kurzentschlossene, hieß es.

Festspielhaus und Publikum scheinen nicht viel Glück mit den Silvesterkonzerten zu haben, nachdem Kaufmann auch im letzten Jahr wegen Krankheit hatte absagen müssen. Diesmal konnte nun kurzfristig noch hochkarätiger Ersatz gefunden werden (im letzten Jahr hatte Anja Harteros das Konzert alleine gestaltet).
Der SWR überträgt live ab 17.02 Uhr im Hörfunk bei SWR2 und zeichnet das Konzert für eine erste Fernsehübertragung am 6.1.2012 um 09.35 Uhr auf.